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Die Literaturwissenschaftlerin und Friedenspreisträgerin (2018) – Aleida Assmann

(Bild: Deutscher Akademischer Austauschdienst, im Interview am 12.10.2018)

„Die Fiktion ist der Kosmos der Literatur, in dem es nicht um die Wahrheit der Fakten geht, sondern um die Wahrheit der Erfahrung“

Aleida Assmanns Arbeiten zum kulturellen Gedächtnis haben die Bedeutung und Funktion des Erinnerns für den Prozess der Nationenbildung, aber auch für die Reaktivierung von Krisen und Konflikten aufgezeigt. 2018 bekamen Aleida und Jan Assmann den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Mit dem Cassandra-Projekt spricht die Literaturwissenschaftlerin über Literatur als Speichermedium kollektiver Emotionen und den praktischen Nutzen von Literatur für die Stabilisierung von Friedensprozessen.


Projekt Cassandra: Wie bewerten Sie das identitäts- und legitimationsstiftende Potenzial literarischer Texte im Kontext von drohenden Krisen?

Aleida Assmann: Im Kontext von drohnenden Krisen braucht man nicht Identität und Legitimation, sondern Aufklärung und Durchblick. Dafür bieten literarische Texte die klarsten und ehrlichsten Diagnose-Instrumente an.

 

Projekt Cassandra: Wir gehen davon aus, dass sich „mentale“ Nationen wie beispielsweise Katalonien oder auch „Biafra“ über einen gemeinsamen „Erfahrungsraum“ stabilisieren, der oft literarischer Natur ist. Eine nicht vorhandene Primärerfahrung (Bürgerkrieg, Genozid) kann auf diese Weise auch für spätere Generationen im Lektüreprozess zu einer emotionalen Sekundärerfahrung werden. Literaturerfahrung könnte demnach zur Mobilisierung einer Bevölkerungsgruppe führen. Können fiktive Erinnerungskonstruktionen ähnlich stark – oder sogar stärker auf kollektive Identitätsprozesse wirken als faktische Erinnerungen?

Aleida Assmann: Nach zwei oder drei Generationen ist das Wissen über Geschichte zunehmend vermittelt. Das heißt aber nicht, dass es damit automatisch immer nebulöser oder falscher wird, denn es etabliert sich ja ein Wissenskanon, an dem sich weiteres Wissen messen muss. Was man nicht selbst erlebt hat, kann über künstlerische Repräsentationen wie Literatur und Film eine emotionale Wirkung freisetzen, die dann zu einer eigenen biographischen Erfahrung wird. Durch Kunst kann sich auf diese Weise Wissen in Erfahrung und Erfahrung in Erinnerung verwandeln.

 

Projekt Cassandra: In der Latenzphase eines Konflikts kommt es meist zu einer verstärkten Hinwendung zum Mythos und zu einer Wechselbeziehung von Mythos und Literatur. Literarische Texte bedienen sich in dieser Phase häufig der narrativen Strukturen des Mythos oder machen ihn gar zum Erzählkern. Warum sind Mythen in der Vorphase eines Konflikts so bedeutsam und wie sollte die Literatur mit Mythen umgehen?

Aleida Assmann: Mythen sind die Produktivkraft der Literatur. Ich verstehe unter Mythen allerdings keine propagandistisch mobilisierenden politischen Narrative, sondern den Erzählkern von alten Geschichten wie Odysseus oder Sindbad, Aschenputtel oder Robinson, die immer wieder neu erzählt werden können und müssen. 

 

Projekt Cassandra: Sie haben die Begriffe des „kulturellen Gedächtnisses“ und des „kollektiven Erinnerns“ maßgeblich geprägt. Inwiefern könnten aus Ihrer Sicht literarische Texte, insbesondere Romane, als eine Art Archiv kollektiver Erfahrungen genutzt werden?

Aleida Assmann: Unbedingt bilden literarische Texte einen reichen Fundus im kulturellen Gedächtnis. Sie sind dort aber nicht einfach gespeichert, sondern auch produktiv wirksam, weil sich neue Autoren immer wieder mit älteren auseinandersetzen und an ihnen abarbeiten.

 

Projekt Cassandra: Das Erinnern und Bearbeiten erlebter und ausgeübter Gewalt sind für das Gelingen von Friedensprozessen wichtig. Welche Rolle hat aus Ihrer Sicht die Literatur – vielleicht auch als eine Art gesellschaftliches Verdauungssystem – in diesem Prozess?

Aleida Assmann: Mein Beispiel dafür sind die Historiendramen von Shakespeare – zehn Dramen, in denen er die Gewalt der Rosenkriege auf die Bühne bringt und damit die Vorgeschichte der friedlichen Tudorzeit mit allen Exzessen dem Publikumg vor Augen führt – als Kriegsprävention! Heute heisst das ‚Nie wieder!‘, bzw. ‚nunca mas!‘.

 

Projekt Cassandra: Literatur kann nicht nur konstruktiv be- und verarbeiten, sie kann auch umdeuten, verfälschen und manipulieren und damit an dem Prozess der Fiktionalisierung von Wirklichkeit maßgeblich beteiligt sein (Beispiel Serbien-Kosovo-Konflikt 1999). Literarische Texte werden dann nicht nur zu einem gemeinsamen Erfahrungs- sondern auch zu einem gemeinsamen Illusionsraum. Wie sehen Sie diese Funktion?

Aleida Assmann: Politische nationale Mythen machen sich die Geschichte so zurecht, wie sie sie zur maximalen Emotionalisierung und Mobilisierung der Bevölkerung brauchen. Sie sind nichts anderes als Drogen im Prozess der Auto-Hypnose. Mit Literatur und Fiktion hat das nichts zu tun. Die Fiktion ist der Kosmos der Literatur, in dem es nicht um die Wahrheit der Fakten geht, sondern um die Wahrheit der Erfahrung.

 

Projekt Cassandra: In Ihrem neusten Buch Der europäische Traum sprechen Sie von der europäischen Identität. An einem europäischen Narrativ, einer gemeinsamen Geschichte mangelt es nicht – warum schafft es die europäische Politik nicht, dieses zu reaktivieren und gegen nationalistische Bewegungen zu nutzen? Wie könnte ein Narrativ aussehen, dass in der Lage ist, eine europäische Identität zu etablieren, zu forcieren und zu stabilisieren? 

Aleida Assmann: Dieses Narrativ, so meine These, gibt es nicht. In der Vorbereitung eines Hauses der Europäischen Geschichte hat es ein Jahrzehnt gedauert, bis man das merkte – und sich dann für eine Geschichte der europäischen Einigung entschieden. Das Buch Europa – unsere Geschichte (2017), das Etienne François und Thomas Serrier herausgegeben haben, hat über tausend Seiten, aber es produziert kein gemeinsames Narrativ. Deshalb ist es viel einfacher, die EU auf vier Lehren aus der Geschichte zu gründen, als auf einem Narrativ.

 

Projekt Cassandra: Könnte Literatur als – machtunabhängiges – Medium der Erinnerung möglichweise authentischer sein und wahrhaftiger erzählen, als andere Medien? Wie könnte diese Funktion aus Ihrer Sicht für die Krisenprävention sinnvoll eingesetzt werden?

Aleida Assmann: Der amerikanische Historiker Peter Novick schrieb einmal über politische Mythen: „Das kollektive Gedächtnis vereinfacht, es sieht alles aus einer einzigen, emotional besetzten Perspektive. Es kann keine Ambivalenzen aushalten und reduziert Ereignisse zu Archetypen.“ Die Literatur tut genau das Gegenteil. Sie hat ein feines Sensorium und ist in der Lage zu differenzieren und Ambivalenzen auszuhalten. Deshalb kann sie auch aufzeigen, wo gerade Krisen entstehen, wie sie sich beschleunigen, und welche Ressourcen man dagegen einsetzen kann.

 

Projekt Cassandra: In Ihrem Werk „Menschenrechte und Menschenpflichten“ beziehen Sie sich gleich zu Beginn auf den israelischen Philosophen Avishai Margalit, der die Verletzung der Menschenwürde metaphorisch mit der Entweihung eines Tempels vergleicht. Ist eine Cassandra von heute diejenige, die als Erste Risse im Fundament, in den Säulen des Tempels entdeckt?

Aleida Assmann: Interessant finde ich, dass Margalit im Zusammenhang von Person und Menschenwürde von einem Tempel spricht. Es geht also um etwas Heiliges, das es zu sichern und schützen gilt. Cassandra schreit auf, wo dieser Tempel geschändet wird, und es ist nicht nur „Amnesty International“, sondern auch die Literatur, die diese Verletzungen vor Augen führt. Was ruft die Stimme von Cassandra? Ich verbiete! Veto!

Cassandra

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