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Über Literatur und einen algerischen Frühling, der schöner wird

Was kann Literatur bewirken? Eine in jeder Epoche wiederkehrende Frage - heute dringlicher denn je. Vielleicht muss man sie auch anders formulieren: Wovon weiß die Literatur? Vom Unsagbaren, dem, was nicht verstanden, nicht sagbar ist. Sie bemächtigt sich des Wirklichen, um es zu transformieren, genau wie die Alchimie, die die Wahrheit im Chaos und in den Illusionen der Welt suchte. Für Proust ist Literatur „das wahre Leben, das endlich entdeckte und erhellte Leben, das einzige und daher auch wirklich gelebte Leben.“ Das ist es, was die Arbeit des Schriftstellers ausmacht: das wahre Leben.

Seit dem Durchbruch des Romans in der algerischen Kultur haben die Schriftsteller unermüdlich die Welt hinterfragt, angefangen bei ihrer Gesellschaft. Vorreiter wie Assia Djebar, Mohammed Dib, Kateb Yacine, Mouloud Feraoun bis hin zu Kaouther Adimi heute, daneben auch Anouar Benmalek, Maissa Bey und Rachid Mimouni, alle haben sich mit der erschütterten und so opaken Realität ihres Landes befasst. Angefangen mit „Le fleuve détourné“ (Der umgeleitete Fluss) bis hin zu „La malédiction“ (Der Fluch) oder auch „L'honneur de la tribu“ (Die Ehre des Volksstammes), in allen Texten hat Mimouni das Bild der Agonie eines Landes dargestellt, das unter der Herrschaft eines absurden Systems litt. Dennoch bewahrte er die Hoffnung, dass „der Frühling nur schöner werden kann“.

Die vorrevolutionäre bzw. bereits revolutionäre Situation, die Algerien seit dem 22. Februar 2019 erlebt, und die großen Demonstrationen gegen das fünfte Mandat von Bouteflika und für den Sturz des aktuellen Regimes stellt Forscher und Experten vor Fragen. Sie liefert sicher auch den Stoff für den algerischen Schriftsteller – eine Riesenherausforderung.
Und selbst, wenn es nur ein Ziel, ein Prinzip gäbe, wäre das, weniger missverständlich in der Betrachtung unserer selbst zu sein. Denn „Trost des Schreibens: das Hinausspringen aus der Totschlägerreihe, Tat-Beobachtung.“ (Kafka)

Cassandra

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