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Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka während eines Vortrags an der Stockholmer Bibliothek am 4. Oktober 2018. Photo: ©Frankie Fouganthin

Literatur in Nigeria - Interview mit Wole Soyinka

Der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka ist einer der wichtigsten Partner des Projekts "Cassandra". In diesem Interview beantwortet er Fragen zu aktuellen Literaturphänomenen in Nigeria und dazu, welche Rolle die Literatur für den Biafrakonflikt noch immer spielt.

 

Die Originalversion dieses Interviews in englischer Sprache ist auf der englischen Version dieser Homepage verfügbar (Link).

 

Projekt Cassandra: Was ist Ihrer Meinung nach der wichtigste Roman des letzten (2019) oder dieses Jahres (2020) in Nigeria?

Wole Soyinka: Eine Frage, die ich immer schwer zu beantworten finde. Wichtig aus welcher Perspektive? Weil stilistisch neue Wege beschritten werden? Weil Tabus angesprochen werden? Weil Menschenrechte verteidigt werden? Weil traditionelle soziale Werte revalidiert werden? Weil für die Gleichstellung von Geschlechtern eingetreten wird etc.?

Ich bevorzuge es, einfach zu sagen, dass ein vor jüngerer Zeit erschienener Roman mein literarisches Interesse geweckt hat: „Der dunkle Fluss” von Chigozie Obioma.

  

Projekt Cassandra: Welche Rolle sollten Autor*innen - Ihrer Meinung nach - in einer idealen Gesellschaft haben und welche Funktion könnten/sollten Autor*innen in Nigeria haben?

Wole Soyinka: Die gleiche Rolle und Funktion wie Autor*innen weltweit.

 

Projekt Cassandra: Als wie frei erleben Sie die Literaturszene in Nigeria? Welche Bücher oder Autor*innen sehen Sie von Zensur bedroht und welche Rolle spielt Selbstzensur Ihrer Meinung nach?

Wole Soyinka: Eine solche effektive Zensur existiert nicht. Es gibt jedoch die fundamentalistischen Zensoren, selbst konstituierte. Ein Roman von Onyeka Nwelue wurde neulich von ein paar christlichen möchtegern Ayatollahs verurteilt. Sie demonstrierten mit Plakaten, auf denen stand „Death to Nwelue”. Sie wurden weitestgehend ignoriert. Hätte es sich um ein Buch gehandelt, das muslimische Fundamentalisten als ketzerisch betrachtet hätten, hätte sich sich so ein Fall sicher anders enwickelt.

 

Projekt Cassandra: Romane junger Autor*innen, beispielsweise von Sefi Atta (Sag allen, es wird gut!") oder Chimamanda Ngozi Adichie (Die Hälfte der Sonne") thematisieren direkt oder indirekt Biafra, wenn sie z.B. über die Spannungen zwischen den Igbo, Yoruba und Hausa nach dem Biafra-Krieg schreiben. Wie bewerten Sie dieses Wiederaufkommen Biafras als Thema in der jungen nigerianischen Literatur?

Wole Soyinka: Ja, eine Zahl junger Autor*innen sind entschlossen, die Biafraflagge weiter wehen zu lassen. - Chimamanda Adichie sehr prominent. Und natürlich machen die Medien hin und wieder einen Verweis, vor allem, wann immer neue Wahlen anstehen. Einige glauben, dass Nigeria nicht vollständig heilt, bis nicht ein biafranischer Präsident gewählt wird. Ich fürchte, das Gespenst Biafra wird die Nation für immer verfolgen.

 

Projekt Cassandra: Angesichts der internationalen Biografien vieler nigerianischer Autor*innen und den Migrationserfahrungen vieler Menschen in der nigerianischen Gesellschaft: Welche Rolle spielt der Aspekt des Territoriums" in der nigerianischen Literatur? Unterscheidet sich das Nigeria in Romanen, die außerhalb von Nigeria geschrieben werden von den Nigeriabildern in Nigeria selbst?

Wole Soyinka: Nein, fast nie. Ich kann mich nicht erinnern, einen territoriums- oder grenzthematischen Roman gelesen zu haben. Nicht einmal als unterliegendes Motiv.

 

 Abeokuta, Tübingen -23 May 2020

 

Dieses Interview ist eine vorabveröffentlicher Auszug aus einer demnächst erscheinenden Anthologie des Projekts "Cassandra".

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