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Krisenfrüherkennung durch Literaturauswertung

Das Team der Studie „Krisenfrüherkennung durch Literaturauswertung“ arbeitet seit September 2017 daran, literarische Texte als Prognoseinstrumente im Bereich der Gewalt-Prävention nutzbar zu machen.

Literatur als Prognoseinstrument

Bisherige Forschungsansätze haben zwar durchaus die Bedeutung von Sprache und Texten für die Dynamik von Konflikten und Krisen erkannt. Tatsächlich wurden bislang jedoch noch nie literarische Texte im Bereich der Krisenfrüherkennung ernsthaft in Erwägung gezogen.

Die Studie „Krisenfrüherkennung durch Literaturauswertung“ geht von der Annahme aus, dass literarische Texte bereits sehr früh auf innergesellschaftliche Bruchlinien und Gefährdungsmomente verweisen – oft schon Jahre bevor es zu Gewalttaten kommt.

Ob es zum Gewaltausbruch kommt, der Konflikt weiterschwelt oder die Spannungen sogar abgebaut werden können, hängt in hohem Maße von den literarischen Imaginationen ab, die den Konflikt während der Latenzphase in seinem weiteren Verlauf simulieren. Das Studienteam geht davon aus, dass dies die entscheidende Phase ist. Hier werden die ausschlaggebenden Narrative ausgebildet: Gruppenzugehörigkeiten, Gewaltfantasien und -legitimationen werden anschaulich gemacht und emotional suggestiv in Szene gesetzt: So werden gleichsam „Drehbücher“ für den Konfliktverlauf entworfen. Diese „Sprache der Konfliktentstehung“ bestimmt auch maßgeblich, wie ein Konflikt (von innen) wahrgenommen wird und welche Möglichkeiten zur destruktiven Eskalation oder zur Schlichtung bestehen.

Warum Literatur?

Gefühle, Stimmungen, subjektive Wahrnehmungen und exemplarische Geschichten sind zentrale Elemente in der Latenzphase eines Konflikts. Fakten und Fiktionen vermischen sich, wobei Fiktionen zur Grundlage kollektiver Wahrnehmungen und damit faktisch werden können.

Als „Speichermedium“ kollektiver emotionaler Erfahrungen versprachlichen literarische Texte, welche Traumata, Ängste und Hoffnungen Menschen antreiben und bewegen. Indem sie – mit „Big Data“ nicht erfassbare – emotionale Tiefenströmungen abbilden, können sie, richtig analysiert, der Schlüssel zur mentalen und emotionalen „Black Box“ einer Konfliktregion sein und damit komplexe Konfliktdynamiken überhaupt erst sichtbar machen. Konfliktregionen stehen, so die grundlegende Prämisse, an der Schnittstelle zwischen Fakten und Fiktionen und bedürfen daher neben der politischen auch einer literaturwissenschaftlichen Analyse.

Literaturauswahl

Literarische Texte können grundsätzlich beides: Konflikte anheizen und entschärfen, Feindbilder auf- und abbauen, Ideologien propagieren und unterlaufen. Während „konstruktive“ Texte seismographisch auf innergesellschaftliche Gefahren hinweisen, können „destruktive“ Texte den Aufbau von Feindbildern begünstigen. Durch eine konfliktfokussierte Text- und Rezeptionsanalyse lässt sich ein „Stimmungsbild“ – eine Emotion-Map – der jeweiligen Fokus-Region erstellen. Auf diese Weise können Gewaltpotenziale, etwa durch die vermehrte Produktion und Rezeption „destruktiver“ Texte, früh erkannt werden.

Cassandra

© 2018 Studienprojekt Cassandra — Krisenfrüherkennung durch Literaturauswertung
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